helden

von meiner schwester habe ich vor kurzem alte fotos von mir bekommen und ich erinnere mich wieder an meine jugend in den 60er und frühen 70er jahre, als wir noch helden waren:

steckdosen, medizinflaschen, reinigungsmittel, schranktüren und schubladen waren noch nicht kindersicher. messer, gabel, schere und licht wurden uns zwar verboten, aber meistens mussten wir uns erst einmal daran verletzten um es zu verstehen. klimawandel, umweltzerstörung und gesunde vegane ernährung kannten wir noch lange nicht.

wir sind von bäumen, mauern und laternen gestürzt, haben uns geschnitten, aufgeschürft und haben uns knochen gebrochen und zähne ausgeschlagen. unsere fahrräder, roller und „hudora“-rollschuhe fuhren wir ohne schützer und helm. die fahrräder hatten keine gangschaltung und wenn doch, dann nur drei gänge. wenn du einen platten hattest, lerntest du wie man den selber flicken konnte. beim strassenfussball durfte nur mitmachen, wer gut war. da ich aber nie gut genug war, musste ich lernen mit enttäuschungen klarzukommen. wenn es regnete, konnte man sich noch in einer der vielen telefonzelleb stellen und wenn ich mehr geld brauchte, hob ich eine der beiden betonplatten am boden der telefonzelle und sammelte kleingeld, das durch den spalt in den schacht gefallen ist. oft fand ich 20 mark, was für mich viel geld war.

mit dem in die schule gehen hatte ich keine probleme, nur mit dem dort bleiben. ich habe keinen alkohol getrunken, nicht geraucht, nicht gekifft und mit frauen hatte ich auch nichts am hut, bis ich ins gymnasium kam. dort wurde dann vieles anders und meine eltern durften, bevor ich entgültig von der schule flog, öfters das rektorat besuchen.. wenn man mich beim autofahren ohne führerschein oder beim klauen von gitarrenseiten erwischt hatte, waren meine eltern schnell mit der polizei einer meinung. sie holten mich zwar auf der wache ab, behandelten mich aber tagelang wie einen schwerverbrecher. schon früh, mit 17 und 19 jahren wurde ich vater meiner beiden töchter und war mit meiner ersten liebe auch verheiratet. liebe ist das licht des lebens und die ehe dann die stromabrechnung. wegen der frühen vaterschaft wurde ich erst gar nicht zum bundes-wehrdienst eingezogen und konnte mir die verweigerung und den zivildienst sparen.

„quickly“ war kein schnellfick, sondern ein moped, das wir nie mit helm fuhren und „nsu“ hatte noch nichts mit nazis zu tun. weil mir das strassenbahnfahren auf den sack ging, kaufte ich mir mit 18 gleich für 150 mark mein erstes auto, einen „mercedes 180 ponton“. später, für 800 mark, dann einen „vw bulli-camper“ für die urlaube mit meiner kleinen familie..die meist durchgerosteten autos reparierten wir noch selber und ich strich sie mit dem pinsel an. der strenge tüv war aber immer gnadenlos.
60er
das fernsehprogramm begann erst um 18 uhr und wurde nur in schwarz/weiss gesendet. ich erinnere mich noch an „bonanza“ oder „maxwell smart“. wehe man traute sich aufzustehen um den einzigen, fest am apparat montierten, knopf für die beiden kanäle zu betätigen, oder stiess versehentlich an die antenne, die auf dem fernsehgerät stand, weil man den „beat-club“ sehen wollte. das programm und wie lange tv geglotzt wurde bestimmten unsere eltern..tonband-gifwir hatten plattenspieler, tonbandgeräte und kassettenrekorder und „bandsalat“ war noch keine vegane mahlzeit. ich hatte sogar eine super-8-filmkamera, mit der wir kleine lustige filme produzierten. wir hatten keine fernseher mit satelitenempfang, videos, dvds mit dolby-surround-sound, playstations, nintendos, x-box, mp3- player, pcs und internet, aber ich hatte meine echten freunde !

handys gab es noch lange nicht. wir fuhren per anhalter zu musikfestivals. die autos hatten weder einen sicherheitsgurt, noch airbags. abs oder ein navi gab es nicht. die risiken per anhalter zu fahren waren uns unbekannt. wir hatten nur angst, dass der steine werfende „joschka fischer“ oder die leute von der „kommune 1“ vom bayrischen rechten „franz josef strauss“ auf die fresse bekommen. erinnern kann ich mich auch noch an die terroristenfahndungsplakate, auf denen hin und wieder ein gesicht liebevoll mit kuli von einem staatsbediensteten durchgestrichen wurde. die verrückten, aber mutigen leute von der „raf“ bekriegten unseren staat, der immer noch von „alt-nazis“ regiert wurde. auf vielen demos waren wir immer vorne mit dabei, auch wenn wir oft nicht wussten worum es eigentlich ging. hauptsache dagegen !
60er-politik
ein „keyboard“ oder „synthesizer“ kannten wir noch nicht. wir spielten gitarre, bass, orgel und schlagzeug und ohne die instrumente richtig zu beherrschen gründeten wir unsere ersten bands. mit punk-rock wollten wir rockstars werden. „jimmy hendrix“, „the rolling stones“, „jethro tull“ und die „doors“ waren götter für uns. wir verbinden „kraftwerk“ nicht mit einer solaranlage, „woodstock“ nicht mit einem holzschaft. unsere langspielplatten waren etwas heiliges, was gepflegt und geliebt werden musste. aber auch die musik von „easy rider“sowie peter fonda und dennis hopper waren unsere durchgeknallten vorbilder.
60er-kino
„bruno“ (das hb-männchen) machte uns spass, auch wenn wir lieber die marke „kent“ rauchten. dann konnten wir den schwäbischen mädels mit den worten: „wilsch a kent von mir?“ eine zigarette anbieten. das musical „hair“ zeigte uns wie man die haare tragen muss. „jimmy hendrix“ und die „doors“ setzten uns mit ihrer musik auf droge. „che guevara“ war unser revolutionärer anführer. und die kiffende „marsha hunt“ wollten wir als freundin haben. der kackende „frank zappa“ war einfach nur cool. sie alle waren helden !
60er-helden
unfassbar, wie wir mit freiheit, misserfolgen, erfolg und verantwortung umzugehen wussten und unsere jugend, ohne tattoos, piercings und smartphones überleben konnten. vielleicht weil wir echte und reale freunde hatten – „wir waren helden“ !

5 Gedanken zu „helden

  1. Hallo, ich bin erst 91 geboren aber wenn ich diesen kurzen Beitrag lese, wünschte ich, ich hätte auch etwas von dieser Zeit mitbekommen. Die Musik von damals höre ich auch heute. Das Freiheitsgefühl, das in dem Beitrag vermittelt wird, scheint es aus meiner Sicht in meiner Generation gar nicht mehr in dem Umfang gegeben zu haben. Schade

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  2. Das ist einfach genial. Du sprichst mir aus der Seele. Ich hatte meine Jugend auch in den 70ern. 🙂
    Was dagegen, wenn ich es auf google + teile? Würde es ja gerne bei mir rebloggen aber du hast es anscheinend nicht freigeschaltet.

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